Manchmal sind es die ungeplanten Ausflüge, die am meisten überraschen. So auch an diesem sonnigen Tag, als mich mein Weg spontan nach Warendorf führte — in die beschauliche Kreisstadt am Ufer der Ems, die sich stolz „Die Stadt des Pferdes“ nennt. Und dieser Beiname ist kein leeres Versprechen — wer durch die Altstadt schlendert, entdeckt ihn überall: prachtvolle Pferde-Motive schmücken Fassaden, Ladenschilder und Schaufenster. An einer Apotheke reckt sich ein stolzes Pferd in die Höhe, und auch ein Bäcker — wenn ich mich recht entsinne — hat seinem Handwerk ein ebenso edles Tier zur Seite gestellt. Klein, aber fein, und mit einem Augenzwinkern: Hier weiß man, wofür man steht.
Was mich erwartete, war eine gepflegte, lebendige Altstadt voller historischer Charme — und gleichzeitig eine ehrliche Lektion in Sachen Barrierefreiheit.
Ankunft und Parken — Ein holpriger Start
Mein Ausflug begann, wie er für viele Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer beginnt: mit der Parkplatzfrage. Da es ein spontaner Besuch war, landete ich in einer Seitengasse — ohne Behindertenparkplatz. Kein optimaler Start.
Dabei gibt es in Warendorf durchaus Behindertenparkplätze. Die Stadt verfügt über verschiedene Parkbereiche in der Innenstadt, auf denen insgesamt mehrere Behindertenparkplätze ausgewiesen sind — verteilt auf verschiedene Parkbereiche mit Parkscheibe und Parkscheinautomat. Rund um den Wilhelmsplatz beispielsweise stehen 120 Stellplätze zur Verfügung, davon 4 ausgewiesene Behindertenparkplätze.
Klingt gut — wäre da nicht ein entscheidendes Problem: Wer diese Plätze vorab gezielt sucht, findet auf der Stadtwebsite zwar eine Übersichtsliste der Parkplätze, jedoch keine übersichtliche, dedizierte Seite für Menschen mit Handicap, die auf einen Blick zeigt, wo genau die Behindertenparkplätze liegen, wie breit sie sind und ob ausreichend Platz für das seitliche Aussteigen mit einem Elektrorollstuhl wie meinem EFix vorhanden ist.
Und genau das ist ein Problem. Denn bereits 2019 wurde in der Lokalpresse darauf hingewiesen, dass es in Warendorf zwar Behindertenparkplätze gibt, aber nicht genügend breite Plätze, auf denen Menschen mit einem E-Rollstuhl seitlich aussteigen können. Seitdem scheint sich daran wenig geändert zu haben — zumindest nicht in der öffentlichen Kommunikation darüber.
Mein Appell an die Stadt Warendorf: Eine klar strukturierte, barrierefreie Informationsseite über Behindertenparkplätze — mit Karte, Breitenangaben und Anfahrtsbeschreibung — ist kein Luxus. Sie ist Voraussetzung für selbstständige Mobilität.
Kopfsteinpflaster — Das ewige Thema
Wer Warendorf kennt, kennt sein Pflaster. Und wer im Rollstuhl sitzt, kennt das Gefühl: kaum rollt man los, beginnt das Rütteln und Vibrieren. Das historische Kopfsteinpflaster der engen Gassen ist malerisch anzusehen — für meinen EFix allerdings eine echte Geduldsprobe. Jeder Stein ein kleiner Schlag, jede Unebenheit eine neue Herausforderung.
Eine positive Ausnahme bildet der Marktplatz: Hier sind deutlich größere, flacher verlegte Steine verwendet worden, was die Fahrt spürbar angenehmer macht. Der Unterschied ist bemerkenswert — und zeigt, dass es geht, wenn man es will. Ein kleiner, aber feiner Fortschritt, der Mut macht.
Die Toilettenfrage — Mit Euroschlüssel hinter dem alten Rathaus
Wer im Rollstuhl unterwegs ist, weiß: Die Frage nach der nächsten barrierefreien Toilette ist keine Kleinigkeit, sondern Überlebensstrategie. Ich hatte mich vorab in der App „Nette Toilette“ informiert — und dort eine ernüchternde Leere vorgefunden. Warendorf ist in der App mit Behindertentoiletten nicht vertreten. Für eine Altstadt dieser Größe und Bekanntheit ein deutliches Manko.
Fündig wurde ich schließlich hinter dem alten Rathaus, in einer Seitengasse — eine Behindertentoilette, zugänglich mit dem Euroschlüssel. Der Zustand: einigermaßen sauber, was ich durchaus zu schätzen weiß. Was mich jedoch beschäftigt: Der Raum war zu eng, um meinen Rollstuhl komfortabel zu manövrieren. Wer kennt das nicht — man jongliert, dreht, schiebt, und hofft, dass am Ende alles klappt. Laut Norm sollte ein rollstuhlgerechtes WC mindestens 165 x 215 cm messen, um den nötigen Wendekreis von 150 cm zu gewährleisten. Von diesem Standard war der Raum hinter dem alten Rathaus deutlich entfernt.
Positiv zu vermerken: In der Begegnungsstätte FreiRaum in Warendorf gibt es eine „Toilette für alle“ — eine rollstuhlgerechte Anlage mit erweiterter Ausstattung. Das ist erfreulich. Für Besucher der Altstadt jedoch nur dann hilfreich, wenn man weiß, wo sie sich befindet — und auch das steht auf der Stadtwebsite nicht prominent genug.
Die Altstadt — Klein, fein und faszinierend
Und nun das Schöne — denn davon gibt es in Warendorf zum Glück reichlich!
Die historische Altstadt hat mich trotz aller Hürden tief beeindruckt. Sie ist auffallend sauber, gepflegt und lebendig — kein trostloser Leerstand auf jedem zweiten Haus, wie man es andernorts so oft sieht. Die Geschäfte sind vielfältig, die Fassaden liebevoll erhalten, die Atmosphäre einladend und herzlich.
Besonders ins Auge gestochen sind mir die prachtvollen Handwerksschilder aus schwarzem Metall, die an mehreren Gebäuden befestigt sind — kunstvoll geschmiedet, mit Zunftsymbolen und historischen Motiven verziert. Sie erzählen stumm und stolz von der langen Handwerkstradition der Stadt und verleihen der Altstadt eine ganz eigene, unverwechselbare Identität. Ich habe sie ausgiebig fotografiert — und jedes Mal von Neuem gestaunt.
Der Marktplatz war an diesem Tag voller Leben: Menschen schlenderten, saßen in Straßencafés, Kinder liefen über das Pflaster. Diese Lebendigkeit, diese selbstverständliche Fröhlichkeit — sie hat mich berührt. Warendorf wirkt nicht wie eine Stadt, die vor sich hin döst. Sie lebt.
Fazit — Warendorf, du hast mein Herz berührt. Aber du könntest mehr tun.
Warendorf ist eine wunderschöne, gepflegte und lebendige Altstadt, die einen Besuch absolut wert ist. Die historischen Gassen, die schmucken Fachwerkhäuser, die markanten Handwerksschilder und der belebte Marktplatz hinterlassen bleibende Eindrücke.
Und doch bleibt ein bitterer Nachgeschmack für Menschen wie mich.
Eine Stadt, die für Besucher wirbt, muss auch für alle Besucher denken. Konkret bedeutet das:
Die Informationen zur Barrierefreiheit auf der Stadtwebsite sind unzureichend. Wer als Rollstuhlfahrerin plant, findet keine gebündelten, klaren Hinweise zu Behindertenparkplätzen, Toiletten oder rollstuhlgeeigneten Routen. Das ist im Jahr 2025 nicht mehr zeitgemäß. Die „Nette Toilette“-App kennt Warendorf nicht — ein Versäumnis, das mit einem einzigen Eintrag behoben wäre. Und die einzige auffindbare Behindertentoilette in der Altstadt war zu klein für ein komfortables, würdevolles Manövrieren.
Inklusion fängt nicht mit großen Gesten an. Sie fängt damit an, dass jemand sich hinsetzt und eine barrierefreie Informationsseite pflegt. Dass jemand nachmisst, ob ein WC-Raum wirklich groß genug ist. Dass eine Stadt sagt: Wir wollen, dass du kommst — und zwar alle.
Warendorf, du hast das Potenzial. Jetzt zeig es auch.
Besucht im Frühjahr 2026 · Rollstuhl: EFix · Euroschlüssel: erforderlich · Nette Toilette App: nicht vertreten · Empfehlung: Ja — mit Vorbereitung













































































